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Gespräch mit Christian Knell zur Herausforderung CO2 // Ausgabe 1/2020

"Klimaschutz gibt es nicht zum Nulltarif"

Um seiner globalen Verantwortung gerecht zu werden, will HeidelbergCement dazu beitragen, den weltweiten Temperaturanstieg bis zum Jahr 2100 auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Die Vision: bis 2050 Beton CO2-neutral anzubieten. Den herausfordernden Weg dorthin erklärt Christian Knell, Sprecher der Geschäftsleitung Deutschland, im Interview.

Interview

Warum hat HeidelbergCement in den vergangenen Jahren seine Bemühungen intensiviert, den CO2-Ausstoß zu drosseln?

Wir wollen zeigen, dass wir es ernst meinen mit dem Klimaschutz. Die Zementindustrie macht rund fünf bis sieben Prozent der global vom Menschen verursachten Kohlenstoffdioxid-Emissionen aus. Da unser Produktionsprozess recht energie- und emissionsintensiv ist, stellt der Klimaschutz eines der Hauptziele unserer Nachhaltigkeitsstrategie dar. Als börsennotiertes und in der Gesellschaft verankertes Unternehmen mit zahlreichen Produktionsstätten übernehmen wir Verantwortung gegenüber der Umwelt, der Gesellschaft und vor allem den einzelnen Standortgemeinden. Aus diesem Grund haben wir seit 2003 unsere Emissionssenkungsziele immer wieder verschärft. In den letzten Jahren haben uns die rechtlichen Rahmenbedingungen wie das European Union Emissions Trading Scheme (EUETS) und das Pariser Abkommen zum Klimaschutz jedoch veranlasst, noch mehr zu tun: Wir haben uns das Ziel gesetzt, die Kohlenstoffdioxid-Emissionen bis 2030 um 30 Prozent zu senken und eine Vision für die CO2-Neutralität unseres Kernprodukts Beton entwickelt.

Was ist das ökonomische Kalkül für eine Reduktion der CO2-Intensität? Inwieweit würde ein „Weiter so“ den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens gefährden?

Das wirtschaftliche Kalkül geht bei uns einher mit ökologischen Zielen. Als Unternehmen, das ständig in einem Kapazitäts- und Kostenwettbewerb steht, ist es nur logisch, dass wir versuchen, unsere Kosten weiter zu optimieren und gleichzeitig effizient im Bereich Energie und Rohstoffe zu agieren. Ein „Weiter so“ wäre bedenklich und würde bedeuten, letztlich nicht mehr wettbewerbsfähig zu sein. Daher haben wir in Deutschland in den letzten vier Jahren beispielsweise rund 350 Millionen Euro investiert, um unseren ökologischen Fußabdruck zu verbessern und gleichzeitig unsere wirtschaftliche Effizienz zu erhöhen.

Wie sehen Sie sich heute im Vergleich zu Ihren Wettbewerbern? Inwieweit versprechen Sie sich Vorteile durch einen kohlenstoffdioxidarmen Produktionsprozess und durch eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung CO2-neutraler Werkstoffe?

Ich glaube, es ist aktuell nicht sinnvoll, zu viel nach dem Wettbewerb zu schauen. Wir sollten uns auf uns konzentrieren und können in dieser Angelegen­heit „vor der eigenen Haustüre kehren“. Das tun wir mit hohem Einsatz und durchaus mit Erfolg. Wir un­terliegen in Deutschland einem CO2-Handelssystem, wie alle Zementwerke in Europa. Dieser Handel mit Zertifikaten hat stark an Dynamik gewonnen, nicht zuletzt, weil jedes Jahr weniger „freie“ Zertifikate auf den Markt kommen. Diese Verknappung führt dazu, dass die Preise steigen, und wir folglich mehr Geld für die Emissionszertifikate ausgeben müssen.

Übersetzt heißt das: Weniger CO2 ist mit weniger Kosten verbunden – und dann sind wir auch wieder beim Thema Wettbewerbsfähigkeit. Nebenbei er­kennen wir natürlich auch eine wachsende Sensibi­lisierung der Gesellschaft bei diesem Thema und den Bedarf, beziehungsweise Wunsch, unseren Baustof­fen einen geringeren CO2-Fußabdruck zu geben. Hier mitzugestalten und Vorreiter zu sein, ist verantwort­lich und unser Anspruch.

Wichtig ist mir aber dabei, dass wir bei diesem Thema nicht nur auf den Zement schauen, sondern die gesamte Wertschöpfungskette, über den Beton bis zum Bauwerk, im Blick haben. Beton und Zement sind Baustoffe, die ihre Vorteile unter Berücksichti­gung des gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes oder einer Infrastruktur entfalten, denn sie sind sehr widerstandsfähig beziehungsweise langlebig und damit auch nachhaltig. Durch die Kombination mit anderen Baustoffen und innovativen Bauprozessen lässt sich die Umweltauswirkung weiter reduzieren. Nur auf die Herstellungsprozesse zu achten, greift zu kurz.

Wir wollen zeigen, dass wir es ernst meinen mit dem Klimaschutz.

Christian Knell, Sprecher der Geschäftsleitung Deutschland

Wie hoch sind die Kosten, um Ihre CO2-Ziele zu erreichen, welche wirtschaftlichen Vorteile stehen diesem Aufwand gegenüber?

Eines ist klar: Klimaschutz gibt es nicht zum Null­tarif. Mit bisher 350 Millionen Euro sind wir noch nicht am Ende unseres Investitionsprogramms in diesem Bereich. Wir werden zusätzliche Maßnah­men ergreifen müssen, um unseren eingeschlagenen Weg erfolgreich weiter begehen zu können. Lang­fristig bedeutet dies Investitionen in die Skalierung und Umsetzung kohlenstoffdioxidarmer Schlüssel­technologien wie prozessintegrierte CO2-Abschei­dung und Nutzung. Unterstützung erhalten wir da­bei durch unsere konzernweiten Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen. Wir haben in diesem Bereich unseren Einsatz enorm gesteigert und wer­den auch in den kommenden Jahren rund 80 Prozent unseres Forschungsbudgets darin investieren.

Bei allen Anstrengungen müssen wir aber dafür Sorge tragen, dass die Wettbewerbsfähigkeit unse­rer Standorte in Deutschland erhalten bleibt, und wir uns nicht aus dem Wettbewerb katapultieren, indem wir mit Zementen aus anderen Ländern mit gerin­geren Emissionsauflagen unsere Märkte bedienen. Damit würden wir uns einen Bärendienst erweisen. Denn dies wäre ein enormer Rückschritt im Hinblick auf den Klimaschutz! Ein CO2-Molekül kennt keine Grenzen.

HeidelbergCement hat sich zertifizieren lassen, dass seine Ziele mit dem Pariser Klimaschutzabkommen vereinbar sind. Was bedeutet diese Vereinbarkeit konkret?

Dass es nicht bei einem Lippenbekenntnis bleibt, sondern wir uns zu klarem Handeln verpflichten. Wir spielen mit offenen Karten. Die Vereinbarkeit unse­res Ziels mit dem Pariser Abkommen haben wir ex­tern von der Science-Based-Targets-Initiative verifi­zieren lassen. Damit ist HeidelbergCement das erste Unternehmen der Zementbranche, dessen Ziele als wissenschaftsbasiert anerkannt wurden. Weltweit gibt es derzeit nur rund 200 solcher Unternehmen. Und dieses Ziel in die Realität umzusetzen, ist für mich und mein Team in Deutschland eine echte Her­ausforderung. Dass wir es ernst meinen, zeigt auch, dass wir entsprechende Vorgaben in unseren Ziel­vereinbarungen verankert haben. Wir sind alle in der Pflicht, etwas zu tun.

Welche Stellschrauben hat HeidelbergCement, um den Kohlenstoffdioxidausstoß zu drosseln, beziehungsweise die CO2-Intensität über den gesamten Lebenszyklus seiner Produkte zu verringern? Welches sind die stärksten Hebel?

Die klassischen und bereits lange genutzten Stellschrauben sind erstens Energieeffizienz, zwei­tens alternative Roh- und Brennstoffe, vor allem Bio­masse (zum Beispiel Klärschlamm), und drittens die Substitution des kohlenstoffdioxidintensiven Klin­kers im Zement durch mineralische Roh- und Rest­stoffe mit deutlich geringerem CO2-Fußabdruck. Bei Energieeffizienzmaßnahmen und der Nutzung von alternativen Brennstoffen haben wir bereits viel er­reicht; in einigen Werken in Deutschland bereits mit einer Rate von 90 Prozent. Diesen Wert streben wir für alle unsere Werke an.

Daneben investieren wir verstärkt in die Ent­wicklung innovativer, nachhaltiger CO2-optimierter Produkte. Bei einigen davon sind wir bereits außer­halb des Labormaßstabs in der großtechnischen Erprobung.

Beim Thema Kohlenstoffdioxid hat Zement eine besondere Rolle. In unserem Herstellungs­prozess entsteht durch die Entsäuerung des Kalksteins prozessbedingtes CO2 – immerhin rund 70 Prozent unseres gesamten Kohlenstoff­dioxidausstoßes. Hier können wir mit Energieef­fizienz wenig dagegenhalten. Diesen sogenann­ten prozessbedingten Emissionen wollen wir mit völlig neuen Verfahren, sogenannten „Break­trough-Technologien“, entgegenwirken. Dabei geht es darum, das CO2 erst einmal mit einem hohen Reinheitsgrad aus dem Abgas abzuschei­den, um es dann einer weiteren Verwendung zu­führen zu können.

Übersetzt heißt das: Weniger CO2 ist mit weniger Kosten verbunden - und dann sind wir auch wieder beim Thema Wettbewerbsfähigkeit.

Christian Knell, Sprecher der Geschäftsleitung Deutschland

Können Sie beispielhaft erläutern, wie Sie die Vision eines CO2-neutralen Betons realisieren wollen?

Durch einzelne Maßnahmen können wir das nicht erreichen. Wir glauben, dass ein Mix aus verschiedenen Ansätzen der effektivste Weg nach vorne und damit der Schlüssel für die Zu­kunft ist.

So wollen wir zum Beispiel den Klinkeran­teil im Zement und im Beton durch den Einsatz von Bindemittelersatzstoffen wie Kalkstein­mehl, Hüttensanden oder auch rezykliertem Betonbruch weiter senken. Zudem wollen wir, wie bereits gesagt, das CO2 auffangen (Carbon Capture), um es dann entweder selbst zur Kar­bonatisierung von Betonprodukten zu nutzen oder anderen Industrien, etwa der Lebensmittel­industrie, zur Verfügung zu stellen. Wenn wir all das erreichen – noch vor 2050 – wird Beton zum nachhaltigsten Baustoff, den es gibt.

Welche Auswirkungen haben Ihre Maßnahmen zur CO2-Reduktion für die Kunden von HeidelbergCement?

Unsere Kunden stellen höchste Anforderun­gen an unsere Produkte und Serviceleistungen. Das ist ihr gutes Recht, und wir arbeiten täglich daran, diese Erwartungen bestmöglich zu erfüllen.

Allerdings müssen wir den Schwerpunkt un­seres Herstellungsprozesses im Spannungsdrei­eck aus CO2-Kosten, Verfügbarkeit von Ersatz­stoffen und klassischen Kosten neu definieren und finden. Dazu brauchen wir die aktive Ein­sicht und Unterstützung unserer Kunden: Denn letztlich können wir beim Thema CO2 nur mit unseren Kunden zusammen erfolgreich sein.

Nehmen wir das Beispiel CEM ll- und CEM lll-Zemente. Hier engagiert sich Heidelberg­Cement schon seit vielen Jahren. Wir haben sehr leistungsfähige Zemente entwickelt, bei denen Stoffe wie Hüttensand oder hochwer­tige Kalksteinmehle einen Teil des Portland­zementklinkers ersetzen. Gleichzeitig arbeitet HeidelbergCement derzeit intensiv daran, neue Portlandkomposit-Zemente in den Markt ein­zuführen. Weil sie den Einsatz von Hüttensand und Kalkstein kombinieren, ermöglichen sie hohe Klinkeraustauschraten bei gleichzeitig weiterhin hoher Performance.

Die Beschaffung von Hüttensand, aber auch Flugasche, ist aufgrund zunehmend geringerer Verfügbarkeit wesentlich schwieriger gewor­den. Gründe hierfür sind der Kohleausstieg und die Transformation der Stahlproduktion. Die si­chere Versorgung mit diesen Rohstoffen ist mit enormen Mehrkosten verbunden. Angesichts dieses Szenarios wird sich unser Produktport­folio verändern müssen. Sowohl klinkerreiche Zemente als auch Zemente mit hohem Hütten­sandanteil werden in der Produktion deutlich teurer. Deshalb benötigen wir die aktive Unter­stützung unserer Kunden, um unser Portfolio an diese herausfordernden Randbedingungen anzupassen und damit auch unsere gemeinsa­me Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Letzt­lich geht es bei dem Thema nicht nur um den Zement, sondern um die gesamte Wertschöp­fungskette. Unsere Kunden verstehen das und wir sind froh, mit diesen bei einem so wichtigen Thema an einem Strang zu ziehen und in einem konstruktiven Austausch zu stehen.


Das Gespräch führte Conny Eck

Ansprechpartner

Conny Eck
Mail: Conny.Eck@heidelbergcement.com

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